Kleine Straße, große Wirkung

Ab dem Jahr 2018 könnte die Gießerstraße südlich der Antonienstraße umgebaut werden. Geplant sind neben Bäumen und Bügeln auch Parktaschen und Gehwegnasen. Von Heiko Rudolf, Alexander John
Ende der Ausbaustrecke: Die Gießerstraße trifft auf die Antonienstraße. Abbiegen nach Links in Richtung Grünau ist nicht erlaubt.

Was zunächst so schön klingt, hat allerdings einen gewaltigen Haken. Die Gießerstraße ist im entsprechenden Abschnitt zwischen Hauswand und Hauswand nur 12 m breit und sie ist von der Stadt Leipzig im Hauptnetz als Erschließungsstraße eingestuft. Diese Funktion übernimmt die Gießerstraße im entsprechenden Abschnitt zwar weder heute noch zukünftig, aber durch das Festhalten an der Einstufung wird sie vermutlich eine Fahrbahnbreite von 6 m bekommen. Die Gehwege werden mit teils nicht mal 2 m entsprechend schmal.

 


Bestand

Die Gießerstraße befindet sich im Wohngebiet Kleinzschocher. Dieses ist geprägt durch Blockrandbebauung. Die Gebäude sind überwiegend gründerzeitlich, teils finden sich Baulücken, teils sind die Baulücken bereits mit Neubauten der Nachwendezeit bebaut.
Heute hat die Gießerstraße folgenden Querschnitt. Gehweg 2 m, Fahrbahn 8 m, Gehweg 2 m. An den Fahrbahnrändern wird im Wechsel, teils beidseitig geparkt, sodass eine freie Fahrbahn von ca. 6 m, teils nur von 4 m verbleibt. Teils stehen die Autos auch halb auf der Fahrbahn und auf dem Gehweg, sodass dann nur noch eine nutzbare Gehwegbreite von 1 – 1,50 m verbleibt. Es gibt keine Bäume, Fahrradbügel oder Gehwegnasen. Die Verkehrsbelegung beträgt ungefähr 4.600 Kfz/Tag und liegt damit auf einem ähnlichen Niveau wie die Erich-Köhn-Straße (4.800 Kfz/Tag) oder die Nonnenstraße (4.200 Kfz/Tag).
Es gibt keine Radverkehrsanlagen und keinen ÖPNV.
Im Herbst 2015 hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die die Einordnung der Gießerstraße im entsprechenden Abschnitt in die Tempo-30-Zone fordert, sowie einseitiges Parkverbot.

 


Umbauplanung

Die Planung der Stadtverwaltung sieht einen Querschnitt von 2 m Gehweg, 6 m Fahrbahn, 2 m Multifunktionsstreifen, 2 m Gehweg vor.
Im Multifunktionsstreifen sind neben Parken (Kfz, Rad) auch Bäume und weitere Ausstattungsgegenstände geplant.


Obwohl der Stadtrat mit dem Stadtentwicklungsplan Verkehr und öffentlicher Raum (STEP VöR) bereits im Jahr 2004 eine Mindestbreite für Gehwege von 2,50 m festgelegt hat und die Richtlinie für die Anlage von Stadtstraßen (RASt 06) seit 2006 auch 2,50 m Mindestmaß für Gehwege vorschreibt, wird auf Grund der Einstufung der Gießerstraße als Erschließungsstraße und der Wunsch nach beidseitigem Parken das Mindestmaß deutlich unterschritten. Neben dem Parken im Multifunktionsstreifen wird das Parken auch auf der anderen Fahrbahnseite zugelassen. Hierdurch verringert sich die nutzbare Fahrbahnbreite für den Fahrverkehr auf ca. 4 m. Das ist insofern absurd, da ausgerechnet die Begründung für die geringen Gehwegbreiten in der Durchlassfähigkeit und der Einstufung als Erschließungsstraße zu finden sind. Diese Gründe werden durch das beidseitige Parken jedoch ab adsurdum geführt. Entweder soll die Straße leistungsfähig sein oder es darf beidseitig geparkt werden. Beide Ziele schließen sich gegenseitig aus.
Stellt man darauf ab, dass die Straße leistungsfähig sein soll, so darf ausschließlich auf einer Seite geparkt werden. Dann könnten bei einer Fahrbahnbreite von 6 m deutlich mehr als 10.000 Kfz/Tag diese Straße durchfahren. Das ist deutlich überdimensioniert und steht im Widerspruch zur Zielstellung des STEP VöR, sparsam mit dem öffentlichen Raum und Finanzmitteln umzugehen.
Es würde nach der RASt 06 für die ca. 4.600 Kfz/Tag ausreichen, die Fahrbahnbreite auf 4,50 m bis 4,75 m auszubauen. Entsprechend breiter könnten dann auch die Gehwege werden.


Angenommen, das Ziel besteht aber darin, dass möglichst beidseitig geparkt werden kann. Dann müsste nach der aktuellen Rechtslage neben den am Fahrbahnrand geparkten Fahrzeugen eine Breite für den Fahrverkehr von mindestens 3,05 m verbleiben. Nimmt man an, dass ein am Fahrbahnrand geparktes Auto 2 m Fläche benötigt, so müsste die Fahrbahnbreite 5,05 m betragen, damit geparkt werden darf.


Diese Variante hätte zur Folge, dass – wie bei der städtischen Variante – das Ausweichen des Gegenverkehrs an den Grundstückszufahrten, Parklücken und Kreuzungen erfolgen muss. Das ist jedoch unproblematisch, da das in Abständen von 50 bis 100 m möglich ist und nebenbei auch noch das Quartier vom Durchgangsverkehr entlastet wird.


Was wäre denn die ideale Umgestaltung?

Nach STEP VöR und RASt 06 ist ein Verhältnis von Seitenbereichen zu Fahrbahnen von 30:40:30 zu schaffen. D.h. die Seitenbereiche nehmen 60 % des Straßenraumes ein und für den Fahrverkehr verbleiben 40 %. Bei 12 m Straßenbreite sind das 7,20 m für die Seitenbereiche und 4,80 m für den Fahrverkehr.
Man staune, es reicht sogar, um die Mindestbreite der Gehwege, Bäume und einseitiges Parken zu ermöglichen, gleichzeitig hat die Fahrbahn eine Breite nach Vorschrift.



Bleibt am Ende noch die Frage: Warum wird das nicht umgesetzt?
Der Stadtrat hat mit dem STEP VöR bereits 2004 beschlossen, dass deutlich mehr Wege mit dem Rad, zu Fuß und mit dem ÖPNV zurückgelegt werden sollen. Jedoch zeigt sich im Konkreten, dass die Priorität von Politik und Verwaltung auf möglichst vielen PKW-Parkplätzen im öffentlichen Raum und hoher Durchlassfähigkeit für den Kfz-Verkehr liegt.
Eine Verkehrswende wird es mit diesen Voraussetzungen in Leipzig nicht geben.

zuletzt aktualisiert: 30.09.2017 - 20:45
Gießerstraße, Umbau, Kleinzschocher, Infrastruktur, RASt, Gehweg, städtebauliche Bemessung

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