Weil wir das schon immer so gemacht haben

Aktuell ist eine Diskussion über einen autofreien Promenadenring entbrannt, in der sich auch LeserInnen diverser Medien zu Wort melden. Einen Leserbrief, der die Gründe der Ablehnung verdeutlicht, soll hier mal näher kommentiert werden.

 

Geschrieben hat den Leserbrief mit dem Titel "Straßenbahn müsste Ring im Dauerbetrieb umrunden" Ralf Klose, veröffentlicht wurde er am 14. Oktober 2016 in der LVZ. Ob die Überschrift von ihm oder der LVZ stammt, ist unbekannt. Es ist auch unbekannt, ob der Leserbrief von der Redaktion gekürzt oder verändert wurde.

"Ein autofreier Ring verlagert den Verkehr
nur in andere Stadtteile, zumeist solche mit
Wohnbebauung. Den Ring nutzen zum
einen Personen, die die Innenstadt besu-
chen wollen und Parkhäuser aufsuchen."

Davon mal abgesehen, dass Verkehr mehr ist als Autoverkehr, lässt sich hier anmerken: Ja, es kommt zu einer Verlagerung des Kfz-Verkehrs. Das ist eines der Ziele. Verlagerung bedeutet aber nicht, dass dann 50.000 Kfz durch andere Stadtteile fahren. Verlagerung bedeutet auch, dass es zu einer anderen Verkehrsmittelwahl kommt. Wie viele Menschen dann mehr zu Fuß gehen, mit dem Rad fahren oder den ÖPNV nutzen, ist bislang nicht bekannt, man darf aber getrost von mindestens 25 % Verlagerung vom PKW zu anderen Verkehrsmitteln ausgehen. Je nach dem, wie die Umsetzung erfolgt, könnten es sogar deutlich mehr als 50 % der Autofahrten werden, die auf den Umweltverbund verlagert werden.

Um die Parkhäuser und die Innenstadt mit Kfz zu erreichen, benötigt man den Ring jedoch nicht. Der Ring dient der Umfahrung der Innenstadt. Die Wege in die Innenstadt können auch bei einem autofreien Promenadenring erhalten bleiben. Es empfiehlt sich aber, die Zufahrten in ihrer Kapazität zu reduzieren.

 

"Die meisten wollen aber von Nord nach
Süd oder von Ost nach West. Es ist ganz
normaler urbaner Verkehr. Und der lässt
sich ohne gewaltige Umbauten, sprich den
Bau neuer Straßen, vielleicht eines zweiten
Ringes, nicht vom Ring fernhalten."

Und hier zeigt sich sehr schön das Problem des Promenadenringes: Es gibt noch immer Menschen, die die vielen Straßenneubauten und -ausbauten der letzten 25 Jahre nicht mitbekommen haben. Weder für Ost - West noch für Nord - Süd braucht man den Ring. Man braucht auch keine zusätzlichen Straßen, denn die sind bereits da. Bspw. der Mittlere Ring und das Tangentenviereck. Wenn aber viele Menschen aus Gewohnheit über den Ring fahren, braucht man sich nicht über die Widerstände gegen die Veränderungen am Ring und die hohe Verkehrsbelegung auf dem Promenadenring wundern. Sicherlich müssen Ampelanlagen und z.T. Abbiegebeziehungen angepasst werden, aber das ist ein überschaubarer Aufwand. Z.T. hätte man die Anpassungen auch schon vor Jahren umsetzen können, bspw. die Linksabbiegemöglichkeit von der Eutritzscher Straße in die Roscherstraße sowie in die Berliner Straße.

 

"Wie will man von Lindenau nach Stötteritz oder von
Lößnig nach Wahren kommen, ohne den Ring zu nutzen?"

Wie will man das hinbekommen? Wir haben mal Googlemaps befragt und eine erstaunliche Antwort für unsere willkürlich gewählten Start- und Zielpunkte in den jeweiligen Stadtteilen bekommen. Fazit: Das Fahren über den Ring wird teils nicht mal als Alternative vorgeschlagen. Die schnellste und kürzeste Variante führt nicht über den Promenadenring.

 

 

 "Der Nahverkehr in seiner
jetzigen Form ist zu teuer, um die Verkehrs-
ströme aufzufangen."

 

Auch die Preise für den Nahverkehr werden immer wieder als Hemnis für die Nutzung des ÖPNV genannt. Erstaunlich, dass man sich für mindestens 350 Euro im Monat ein Auto leisten kann, aber keine 71,80 Euro im Monat für eine Monatskarte hat. Ein Abo Premium, auf dem man noch zu bestimmten Zeiten eine weitere Person mitnehmen kann und an Wochenenden und Feiertagen den gesamten MDV  kostenlos nutzen darf, kostet für Leipzig aktuell 61,40 Euro. Einzelfahrscheine in Leipzig sind teuer, das bestreitet niemand, wer jedoch regelmäßig den ÖPNV nutzt, fährt wohl kaum mit Einzelfahrscheinen. Es leiht sich schließlich auch niemand täglich ein Auto, um von A nach B zu fahren.

 

"Ein Bürgerticket und
damit verbunden die kostenlose Benut-
zung wäre zwingend notwendig."

Die Diskussion um das Bürgerticket ist richtig und wichtig, aber nicht zwingend notwendig, wenn es um den autofreien Promenadenring geht.

 

"Eine kostenlose Straßenbahn, die in beiden Rich-
tungen permanent um den Ring fährt, wür-
de auch Entspannung beitragen, wenn in
angrenzenden Stadtteilen genug Park-
möglichkeiten zu erlaufen wären."

 

Diesen Vorschlag hat man auch schon häufiger gelesen, aber die Sinnhaftigkeit erschließt sich nicht. Wenn man sowieso schon mit dem Auto bis ins Zentrum gefahren ist. Wieso soll man dann noch in die Straßenbahn steigen, um in die Innenstadt zu kommen. Die Straßenbahn fährt ja nicht in die Innenstadt, sondern nur rings rum. Der Nutzen ist also gleich null. Zudem fahren auch heute schon alle Straßenbahnen um den Ring, wenn auch jeweils nur einen Abschnitt. Das Problem ist ja bisher, dass viele Autos einen Teilabschnitt um den Promenadenring fahren, obwohl sie im Zentrum kein Ziel haben und alternative Verbindungen bereits bestehen. Im Grunde muss man sogar sagen: Je weiter Quelle und Ziel voneinander entfernt sind, desto unsinniger ist es über den Promenadenring zu fahren. Wer mit dem Auto von Zentrum West nach Zentrum Ost möchte, ist eher auf den Ring angewiesen als diejenigen, die von Grünau nach Probstheida oder von Connewitz nach Eutritzsch wollen. Leider sieht die Leipziger Praxis so aus, dass man erst ins Stadtzentrum zum Promenadenring fährt und dann überlegt, wie man von dort am besen sein Ziel erreicht. Würden mehr Leute vor Fahrtantritt über die beste Route nachdenken, wäre auf dem Promenadenring deutlich weniger Kfz-Verkehr unterwegs.  AJ

 

zuletzt aktualisiert: 09.11.2016 - 3:48
Promenadenring, Verkehrsplanung, Verkehrsinfrastruktur, Vision

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